Monāzerāt (مناظرات) ist ein persisches Wort und bedeutet wörtlich: Debatten, Streitgespräche oder dialogische Auseinandersetzungen.

Das Wort stammt vom arabischen Begriff naẓar (نظر) ab, was ursprünglich „Blick“, „Betrachtung“ oder „Perspektive“ bedeutet. Eine Monāzere ist deshalb nicht einfach ein Streit. Es ist ein gegenseitiges Betrachten verschiedener Sichtweisen.

26.06.2026

Thema des Tages: Match-cut

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12.06.2026

Hafez-Orakel und Biblestechen – Eine gemeinsame Tradition des Lesens

Anlässlich des 32-jährigen Bestehens der Iranischen Bibliothek Stuttgart haben wir in dieser Woche eine besondere Form kultureller Begegnung ausprobiert: das persische Fal-e Hafez (Hafez-Orakel).

Auf den ersten Blick erscheint diese Tradition vielen Menschen als etwas typisch Iranisches. Tatsächlich existierten jedoch ähnliche Praktiken auch im mittelalterlichen Europa und im deutschsprachigen Raum. Unter dem Namen Biblestechen wurde die Bibel nach einem Gebet zufällig geöffnet – manchmal sogar mit Hilfe eines Messers –, um eine Stelle zu finden, die als Antwort auf eine persönliche Frage verstanden werden konnte. Solche Formen der Los- und Orakelbefragung waren über Jahrhunderte hinweg Teil der europäischen Volksfrömmigkeit.

Auch beim Fal-e Hafez wird nach einer persönlichen Frage oder einem Wunsch der Divan von Hafez zufällig geöffnet. Anschließend versucht die Gruppe gemeinsam, die Verse zu lesen und ihre möglichen Bedeutungen zu diskutieren.

Dabei ging es uns nicht um Wahrsagerei im modernen Sinn, sondern um das gemeinsame Lesen, Zuhören und Interpretieren. Ein Gedicht wird zum Anlass eines Gesprächs. Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen begegnen sich durch Sprache, Literatur und ihre jeweiligen Erfahrungen.

Gerade im Rahmen von Integration und kulturellem Austausch ist dies besonders interessant: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entdecken, dass ähnliche Formen des Umgangs mit Texten sowohl in der persischen als auch in der europäischen Geschichte existieren. Das vermeintlich Fremde wird vertraut, und das Vertraute erscheint in einem neuen Licht.

So wurde das Fal-e Hafez an diesem Abend weniger zu einer Vorhersage der Zukunft als zu einem gemeinsamen Gespräch über Hoffnung, Zufall, Interpretation und die verbindende Kraft von Literatur.

(1) Eternal Conversation or Death in Spring: Monāzerāt

05.06.2026

22.05.2026

Am 22. Mai 2026 fand in der Bibliothek der Iraner*innen Stuttgart (Iranische Bibliothek Stuttgart e.V.) eine weitere Sitzung unseres partizipativen Projekts statt. Diesmal begann die gemeinsame Arbeit nicht direkt mit der Kamera, sondern mit einer scheinbar einfachen Übung: Die Teilnehmenden wurden gebeten, Dinge zu zeichnen, die Kinder oft zeichnen – Häuser, Autos, Bäume, Katzen, Fische oder andere einfache Formen.

Die Aufgabe war bewusst niedrigschwellig gehalten. Es ging nicht darum, „gut“ zeichnen zu können. Viele der Beteiligten meinten zunächst, sie könnten überhaupt nicht zeichnen. Doch genau darin lag die eigentliche Erfahrung des Abends: Sobald die einzelnen Zeichnungen nebeneinandergelegt wurden, entstand plötzlich etwas Unerwartetes. Die Bilder begannen miteinander zu sprechen. Aus vielen kleinen, unsicheren und einfachen Zeichnungen entstand ein gemeinsames visuelles Feld, das eine eigene Schönheit entwickelte.

Gerade darin zeigt sich die besondere Kraft kollektiver Arbeit. Was einzeln fragmentarisch oder unbeholfen erscheint, gewinnt im Zusammenhang eine neue Qualität. Gruppenarbeit produziert nicht nur Addition, sondern Synergie. Zwischen den einzelnen Beiträgen entsteht etwas Drittes – eine Form von gemeinsamer Imagination, die niemand allein hätte hervorbringen können.

Besonders interessant wurde die Übung in dem Moment, als wir die Teilnehmenden aufforderten, nicht einfach ein „normales“ Haus zu zeichnen, sondern ein „falsches“ oder „fehlerhaftes“ Haus. Genau an diesem Punkt wurden die Zeichnungen plötzlich freier, spielerischer und kreativer. Die Häuser kippten, schwebten, zerfielen, bekamen unmögliche Dächer oder seltsame Proportionen.

Die Einführung des „falschen Signifikanten“ öffnete einen neuen Raum der Vorstellungskraft. Dort, wo die alltägliche Ordnung kurz unterbrochen wurde, entstand Kreativität. Der Fehler erwies sich nicht als Defizit, sondern als produktive Verschiebung. Fast so, als würde das Bild erst durch die kleine Störung anfangen zu sprechen.

Diese Übungen dienen zugleich als Vorbereitung für die kommenden Sitzungen mit Kamera und partizipativem Film. Der Übergang von der Zeichnung zum bewegten Bild ist dabei kein technischer Schritt, sondern ein symbolischer. Die Teilnehmenden erfahren, dass Bilder nicht nur dargestellt, sondern gemeinsam erzeugt werden können.

Die Sitzung machte sichtbar, dass selbst einfache Worte wie „Haus“, „Baum“ oder „Auto“ bereits eine merkwürdige Kraft besitzen. Ein einziges Wort genügt, um völlig unterschiedliche innere Bilder hervorzurufen. Genau dort beginnt die Arbeit des partizipativen Films: nicht bei der Perfektion, sondern bei der gemeinsamen Produktion von Vorstellung, Differenz und Beziehung.

Und nun, die fehlerhafte Häusern:

Der Workshop in voller Länge:

15.05.2026

„Im Scherz darf man bekanntlich sogar die Wahrheit sagen.“
— Sigmund Freud

Alles begann mit einem Spiel

Am 15.05.2026 wurde im Rahmen der Monāzerāt-Sitzungen in der Iranischen Bibliothek Stuttgart ein einfaches Experiment durchgeführt:
Eine Gruppe nannte einen Gegenstand. Die andere ein gesellschaftliches Problem, eine Krise oder eine politische Situation. Anschließend versuchten die Teilnehmenden, zwischen beiden eine Verbindung herzustellen. Nicht um „Recht“ zu haben, sondern um sichtbar zu machen, wie Denken funktioniert.

Aus scheinbar zufälligen Begegnungen entstanden plötzlich Metaphern, Hypothesen und sogar wissenschaftliche Fragestellungen. Eine Banane traf auf die Islamische Republik. Ein Witz verwandelte sich langsam in ein geopolitisches Gedankenexperiment.

Vielleicht beginnt Erkenntnis manchmal genau dort, wo zwei Dinge aufeinandertreffen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben sollten. Wie André Breton schrieb, sei Schönheit manchmal „die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Operationstisch“.

Das folgende Video dokumentiert den zweiten Teil dieser Sitzung:

Im Verlauf der Diskussion erwähnte Mehdi den Begriff der „Bananenrepublik“. Zunächst erschien die Kombination aus „Banane“ und „Islamische Republik“ eher absurd und humorvoll. Doch genau aus dieser scheinbar zufälligen Verbindung entstand Schritt für Schritt eine ernsthafte theoretische Fragestellung: Welche Beziehung besteht zwischen wirtschaftlichen Ressourcen und politischen Machtformen?

Ausgehend von dieser improvisierten Assoziation entwickelte sich allmählich die Hypothese, dass die auf Erdöl basierende Struktur des iranischen Staates möglicherweise andere politische und symbolische Formen hervorbringt als Gesellschaften, deren Wirtschaft stärker auf horizontal organisierter Arbeit und Landwirtschaft beruht.

Die Diskussion führte schließlich zur Entstehung des Artikels „Wenn der Iran Bananen hätte“, der die Beziehung zwischen Öl, Wasserwirtschaft, vertikaler Machtstruktur und der politischen Vorstellungskraft im Iran untersucht.

Die Sitzung zeigt, wie aus einem Spiel, einem Witz oder einer spontanen Metapher kollektives Denken entstehen kann; nicht trotz des Zufalls, sondern gerade durch ihn.

8.05.2026


در روز هشتم ماه می ۲۰۲۶ با کمک دوستان کتابخانه ایرانیان اشتوتگارت اولین جلسه ویدیوی اشتراکی برگزار شد. موضوع زبان جنسیت زده و هدف بررسی تاثیر دوربین بر فضای گفت و شنید بود

Am 8. Mai 2026 fand mit Unterstützung der Freund*innen der Iranischen Bibliothek Stuttgart die erste Sitzung zum Thema Participatory Video statt. Thema des Treffens war geschlechtercodierte Sprache sowie die Frage, wie die Kamera den Raum des Gesprächs und Zuhörens verändert. Im Mittelpunkt stand die gemeinsame Reflexion darüber, wie filmische Präsenz Kommunikation beeinflusst, Beziehungen verschiebt und neue Formen des Ausdrucks sichtbar macht

24.04.2026

https://youtu.be/nBx72sTk_UU
https://youtu.be/9s1WE4POfNg
https://youtu.be/D212QKhMd1M