Dieser Text ist keine bloße Analyse, sondern ein Produkt der Nähe: eine Frucht genauer Beobachtungen der diasporischen Gesellschaft in Stuttgart und darüber hinaus – ermöglicht durch das Shift-Stipendium der Stadt Stuttgart. Weitere Veröffentlichungen folgen.
Feinkost Aria, Stuttgart. Mehr als ein Laden: ein kleiner diasporischer Resonanzraum, in dem Gewürze, Schriftzüge und vertraute Waren die ferne Heimat in den Alltag einschreiben — leise, materiell, und doch voller Erinnerung. Foto: (2) Instagram
In Stuttgart ist der persische Lebensmittelladen selten nur ein Geschäft. Er ist eine kleine Bühne der Diaspora. Was hier über den Tresen geht, sind nicht nur Pistazien, Safran oder Tee, sondern verdichtete Fragmente einer verschobenen Heimat. Zwischen Regalen, Schriftzügen und Gerüchen entsteht ein Raum, in dem Erinnerung materiell wird.
Wie Iraj E. Ghoochani zeigt (Sieh Unten), sind diasporische Objekte niemals neutrale Waren; sie funktionieren als „Traum-Objekte“, in denen sich Bedeutung verdichtet und verschiebt. Diaspora as Dream Die persische Schrift auf einer Verpackung, der Klang der Sprache im Laden, die vertraute Ordnung der Produkte — all dies trägt mehr Gewicht, als sein materieller Wert vermuten lässt. Der Signifikant wird schwerer als die Ware selbst.
In diesem Sinne verkaufen persische Supermärkte in der Diaspora immer auch etwas, das sich nicht etikettieren lässt: ein Stück Orientierung, eine Spur von Vertrautheit, eine verdichtete Nähe zu einem Ort, der physisch abwesend bleibt. Der Einkauf wird so zu einer kleinen Bewegung zwischen Räumen — zwischen Stuttgart und einem anderswo erinnerten Iran.
Gerade deshalb sind Orte wie der Parsian Online Shop für viele Iranerinnen und Iraner mehr als bloße Versorgungsstationen. Sie fungieren als soziale Mikroräume, in denen sich Zugehörigkeit, Erinnerung und Alltag überlagern. Man betritt den Laden nicht nur, um einzukaufen, sondern auch, um sich für einen Moment neu zu verorten.
Die Diaspora zeigt sich hier nicht im großen politischen Gestus, sondern in den stillen Routinen des Alltags. Zwischen Teepackungen und Reissäcken entsteht eine dichte Ökonomie der Nostalgie — keine Flucht in die Vergangenheit, sondern eine fortlaufende Arbeit am Gefühl von Nähe in der Ferne.
Diaspora wird fast automatisch mit dem Ausland verbunden: Europa, Nordamerika, Australien. Diese Perspektive übersieht eine wachsende Realität — jene der inneren Diaspora. Diaspora entsteht nicht erst dort, wo eine nationale Grenze überschritten wird, sondern dort, wo Menschen gezwungen sind, sich eine zweite Heimat innerhalb der eigenen Heimat zu schaffen, um überhaupt leben zu können.
Qeshm ist ein solches Beispiel.
Für viele Iranerinnen und Iraner ist Qeshm zu einem Ersatz geworden — nicht für das Ausland, sondern für eine Möglichkeit, dem Zentrum zu entkommen, ohne das Land zu verlassen. Wer nicht nach Europa oder Nordamerika migrieren konnte oder wollte, migriert nach innen. Qeshm wird so zu einer Diaspora ohne Exil, zu einem Ort relativer Freiheit innerhalb eines weiterhin despotischen islamischen Regimes.
Diese Menschen haben ihre Heimat nicht verlassen. Sie haben sie gespalten.
Sie leben unter einer dualen Souveränität: formal unter der Herrschaft der Islamischen Republik, faktisch aber in einem Raum informeller Toleranz, ökonomischer Ausnahme, kultureller Aushandlung. Kleidung, Lebensstil, soziale Nähe, Geschlechterverhältnisse — all das wird nicht befreit, aber verhandelbar. Nicht durch Recht, sondern durch stillschweigende Übereinkunft.
Diese Form der Koexistenz ist fragil. Sie beruht nicht auf Freiheit, sondern auf gegenseitiger Duldung. Der Staat toleriert Abweichung, solange sie ökonomisch nützlich bleibt oder politisch unsichtbar ist. Die Bewohner tolerieren den Staat, solange er nicht vollständig durchgreift. Es ist kein Widerstand, aber auch keine Unterwerfung. Es ist ein Arrangement.
Gerade darin liegt der diasporische Charakter: Die Menschen leben nicht als voll integrierte Bürger, sondern als interne Migranten, die gelernt haben, sich im eigenen Land wie Fremde zu bewegen. Sie entwickeln eigene Codes, eigene Solidaritäten, eigene Zeitrhythmen. Qeshm wird nicht zur Alternative zum Iran, sondern zu einer anderen Version von Iran, die nur unter bestimmten Bedingungen existieren darf.
Diese innere Diaspora ist kein Randphänomen. Sie ist ein Symptom. Sie zeigt, dass Migration längst nicht mehr nur eine Bewegung über Grenzen ist, sondern eine Strategie des Überlebens unter autoritären Bedingungen. Wer sie ignoriert, wird weiterhin glauben, Diaspora beginne erst am Flughafen.
In Wahrheit beginnt sie dort, wo Menschen gezwungen sind, sich eine Heimat innerhalb der Heimat zu erfinden.
Adding some references:
Contemporary art spaces in Tehran (and online archive of artists)
Darz founded by Arian Etebarian is an incredible resource archive of contemporary Iranian artists:
https://darz.art/en
Articles and publications: Contemporary art in Iran
Talinn Grigor, Contemporary Iranian Art: From the Street to the Studio
Research: Iranian diaspora contemporary artists & curatorsGita Hashemi (artist and curator based in Toronto)
1) The Lacanian concept of the fantasm: You might know know that the sentence: “Man is the measure of all things” belongs to Protagoras, Lacan continues: “ namely, his body, the foot, the thumb and the cubit (la coudée).“ (session XVI, Seminar XIII) I think that we should not slip away from this sentence because it is crucial in understanding the distance between the foot and the eyes of a standing observer that shadows all over this session. There is a hidden iteration here: Human measures the world via a human body: The body is the original yardstick. Ancient measures (the foot, thumb, cubit, yard) were literally derived from the human body. (Foot = length of a foot. Thumb = inch (from the thumb’s width). Cubit (coudée) = distance from elbow to fingertip and finally Yard = from nose to outstretched thumb): projecting our own human proportions onto the world. We project our own measure to measure the world/earth: Geo-metry. Here is a sort of iteration rule that as a rule has a limit: it can converge, giving coherent order (the way calendars converge at Nowruz, spring equinox, renewal, etc.). or it can diverge, fragmenting into disarray (as in psychosis). Again, 1- body is both the measure and the limit . 2- It sets the rule, but also the edge. 3- Edge is the point where measure turns into jouissance (excess, too-much enjoyment). Now, to your notes on fantasm and prosthesis: it is all about measures. The fantasm is an imaginary support, but that support rests on proportions: the “ergonomie of the spirit” in a land where everybody brings different bodily proportions (different signifiers for those proportions).
This is why Gulliver among the Lilliputians (or vice versa) is such a strong metaphor for the diaspora. The story is not really about bigness or smallness; bigness is just a metaphor to allude to a fundamental difference in measures. The migrant body is suddenly caught in a field where the rules of proportion are foreign. Objects brought from the homeland then function like prostheses: attempts to restore lost proportions, to recalibrate the measure of one’s own body against the new world. The fantasm, here, becomes the staging of that collision.
Tailors were appointed to measure him for a suit of clothes. Picture book based on Gulliver’s Travels published by R.A. Publishing Co Ltd, London, EC4, c 1950. No artist credit.
2) Ephemeral and transient gestures of the body and language: „Khaste nabashid“ (the persian expression that means “Hope that you are not tired!”is not an empty language. When I talk I cannot bring all the corners together. Here is a parallel (short but very inspiring text) from George: FLECHE+-+George+Bartlett+finaal+engels.pdf
This text explains how some words work as the limit. Please read the first paragraph on Lacan’s definition of the holophrase.